Zum 50sten Mal in Folge präsentierte die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) im Frühjahr 2020 die Reiseanalyse. Die Kieler Experten sind sich einig: die Reiselust der Deutschen ist nach wie vor hoch. Wie weit allerdings der Corona-Virus die großen Erwartungen eintrübt, kann aktuell keiner sagen.

Schon jetzt hat der Corona-Virus verheerende Auswirkungen auf die Hotellerie und Gastronomie in Deutschland. Drei Viertel der Betriebe büßen deswegen Umsätze ein. In den Städten sind es sogar bis zu 85 Prozent, so das Ergebnis einer Dehoga-Blitzumfrage von letzter Woche, an der sich fast 10.000 Hotels, Caterer und Restaurants beteiligten. „Die Situation verschärft sich von Tag zu Tag“, berichtet sorgenvoll Dehoga-Präsident Guido Zöllick.

Die FUR musste aufgrund der Absage der ITB erste Ergebnisse der Reiseanalyse 2020 in einem Webinar vermelden, das am 4. März 2020 live aus Kiel online ging. Die Ausgangslage für die Erhebung war positiv, denn für 72 % der deutschen Bevölkerung stand schon im Januar fest, dass es 2020 sicher oder wahrscheinlich in den Urlaub gehen wird. Der Blick ins vergangene Jahr zeigt eine Urlaubsnachfrage auf sehr hohem Niveau: 2019 haben 55 Mio. Menschen Urlaubsreisen unternommen – etwa genauso viele wie im Vorjahr. Damit lag die Urlaubsreiseintensität bei über 78 %. Dies ist nach Aussage von Prof. Dr. Martin Lohmann der Anteil der Bevölkerung, der im Jahr wenigstens eine Urlaubsreise von mindestens fünf Tagen Dauer macht. Die Anzahl der Urlaubsreisen lag 2019 bei knapp 71 Mio. Das Gesamtvolumen der Ausgaben betrug mehr als 73 Mrd. €, so viel wie noch nie.

Auch wenn die Sonnenziele beim Urlaubsmotiv ganz oben stehen, ist Deutschland mit 26 % aller Urlaubsreisen weiterhin das wichtigste Reiseland der Deutschen. Im Ranking der Top-Ziele im Inland konnte 2019 Mecklenburg-Vorpommern die Spitzenposition mit 5,1% halten, gefolgt von Bayern (4,6%) und Schleswig-Holstein (4,1 %). Während bei den Auslandzielen das europäische Mittelmeer mit Spanien, Italien und die Türkei und insgesamt 29% ganz oben auf der Hitliste stehen, liegt auch Österreich auf Platz 4 weiterhin hoch im Kurs. Immerhin hat schon jeder zweite Deutsche einmal Urlaub in Österreich gemacht. Allerdings rutschte der Marktanteil als Auslandsdestination auf 4,7% (2018: 4,9%).

Zur Statistik der Urlaubsreisen für 2019 gab es zusätzlich knapp 36 Mio. Kurzurlaubsreisende, die 88 Mio. Kurzurlaubsreisen zwischen zwei und vier Tagen unternahmen und dabei fast 24 Mrd. € ausgaben. Positiv für den heimischen Tourismus und auch die Wellness-Hotellerie: diese Kurzreisen finden drei Viertel im Inland statt, gefolgt von Österreich (4,2%) und den Niederlanden.

Kaum einen wird es verwundern: Inspiration und Information bei der Reiseplanung finden potenzielle Gäste zunehmend online. Überschätzt wird offensichtlich der Einfluss von Social Media, u. a. Facebook oder Instagram. Sie spielen insgesamt nur eine untergeordnete Rolle, lediglich in der jüngsten Altersgruppe der bis-30-Jährigen haben sie eine gewisse Bedeutung.

Insgesamt ist der Konsument für die Marktforscher der FUR kompetent und erfahren. Der potenzielle Gast ist multi-optional, motiviert und offen für Neues, für das er sich in vielen Fällen aber erst mal interessiert, ohne dass daraus bereits eine Buchung resultiert.

 

In einem separaten Modul, das nicht frei verfügbar ist, wurde in der Reiseanalyse 2020 das Thema „Gesundheit im Urlaub“ untersucht. Dabei steht für 26 % der Bevölkerung die eigene Gesundheit im Vordergrund, für 24 % das seelische Wohlbefinden und für 22 % der persönliche Genuss. Diese neue Segmentierung soll es aus Sicht der FUR erleichtern, als Anbieter die richtigen Entscheidungen für die richtige Kundengruppe zu treffen.

Doch machen wir uns nichts vor:  die sorgfältigen und intensiven Recherchen der Forschungs-gemeinschaft Urlaub und Reisen fanden zu einer Zeit statt, als Corona nur als trendige Biermarke bekannt war. Keiner kann aktuell beurteilen, welche weiteren Kreise die Bedrohung durch den Corona-Virus für das öffentliche Leben und insbesondere auch für den Tourismus ziehen wird.

Mit voller Wucht hat es bereits Südtirol getroffen, das in der vergangenen Woche vom Robert-Koch-Institut von heute auf morgen zusammen mit den roten Zonen in der Lombardei und dem Veneto zum Risikogebiet erklärt wurde. Dort sorgt die Entscheidung zunächst für Wut und Unverständnis, denn zum Zeitpunkt der Einstufung gab des in Südtirol nur einen bestätigten Coronavirus-Fall und insgesamt acht Verdachtsfälle. Der Tourismus ist eines der wichtigsten Säulen der Wirtschaft in der Region. Die Südtiroler Hoteliers haben in den vergangenen Jahren enorm und gezielt investiert, wovon wir uns im Rahmen des FCSI Jahrestagung im November 2019 in Meran überzeugen konnten. Bestand wurde renoviert und neu positioniert, und zahlreiche neue Häuser kamen dazu, unter anderem im 5-Sterne-Segment. Alle Signale standen auf Aufbruch, Wachstum und Erfolg.

Jetzt hat Südtirol die Reißleine gezogen: alle Beherbergungsbetriebe und Skilifte werden ab Mittwoch 10. März 2020 schließen. „Die Gesundheit der Gäste, aber auch der Südtiroler Bevölkerung und der Mitarbeiter steht absolut im Vordergrund“, so HGV-Vorsitzender Manfred Pinzger. Landeshauptmann Arno Kompatscher sprach am Montag von einer vorbildlichen Maßnahme, die zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber deshalb umso löblicher sei. „Der Tourismus geht mit Verantwortung mit der Situation um, was für die Qualität Südtirols spricht“, so Kompatscher.

Wir wünschen den Kollegen in Südtirol viel Kraft und Durchhaltevermögen in dieser fatalen Situation. Dies gilt auch für alle Gastgeber der Branche, denen das Wohl ihrer Gäste am Herzen liegt. Und vor allem: bleiben Sie gesund!

Eine Zusammenfassung der Reiseanalyse 2020 der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. zum Download finden Sie unter www.reiseanalyse.de

 

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