Verantwortungsbewusstes Handeln im Tourismus stand in diesem Jahr verstärkt im Fokus der Internationalen Tourismusbörse ITB, die vom 6. – 10. März 2019 rund 113.500 Fachbesucher anzog – ein Plus von 3% gegenüber dem Vorjahr. Die weltweit größte Reisemesse bestätigt einmal mehr, dass Kommunikation und Erfahrungsaustausch vor Ort, aber auch das Sehen und Gesehen werden im digitalen Zeitalter ihre Berechtigung haben.

Reisen boomt – rund um den Globus

Die frohe Kunde auf vielen Kanälen: Tourismus bleibt wesentlicher Wachstumstreiber der Weltwirtschaft. Im Jahr 2018 stieg die Anzahl der Auslandsreisen um 5,5 Prozent, was insgesamt 1,4 Milliarden Auslandsreisen entspricht. Im Vergleich dazu legte die Weltwirtschaft lediglich um 3,7 Prozent zu. Das touristische Wachstum stammt aus allen Regionen der Welt, u.a. aus den traditionell starken Märkten Europa und Nordamerika. Die stärksten Zuwächse erzielten jedoch Asien und Lateinamerika.

Rekordzahlen und optimistische Prognosen kommen auch von den Experten der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. (FUR), die seit 49 Jahren die neutrale, nicht kommerzielle Analyse zum Reiseverhalten der Deutschen durchführt. „Die touristische Nachfrage in Deutschland brummt!“ so Martin Lohmann bei der Präsentation erster Ergebnisse am 6. März. Im Jahr 2018 sind 55 Mio. Menschen auf Reisen gegangen – das sind fast 1 Mio. Urlauber mehr als im Vorjahr. Auch aktuell ist Deutschland in Urlaubsstimmung. Für mehr als 71% der Bevölkerung steht schon jetzt fest, dass verreist wird. 29% sind sogar bereit, in 2019 für Urlaub mehr Geld auszugeben. Dabei ist Deutschland nach wie vor das beliebteste Reiseziel der Bundesbürger (29%). Bei den Inlandsreisen überholte Mecklenburg-Vorpommern mit 5,3% den bayerischen Mitbewerber mit einem Anteil von 4,7%, gefolgt von Schleswig-Holstein (4,3%) und Niedersachsen (3,6%). Intensiv beschäftigt hat sich die Reiseanalyse 2019 mit dem „Customer Value“ – immerhin bestätigen 80% der repräsentativ Befragten, dass sie erholt aus dem Urlaub zurückkommen. 41% haben auf der letzten Reise sogar echte Glücksmomente erlebt – was will man mehr.  Nach 11% der Reisen berichten Urlauber von positiven, persönlichen Veränderungen. Sie leben achtsamer und bewusster – da spitzt vor allem die Wellnessbranche die Ohren.

Wellness wächst schneller als die Weltwirtschaft

ITB 2019
Auch die kann mit neuen Wachstumszahlen aufwarten. Laut „Wellness Economy Report“ vom November 2018 wächst der Wellness-Markt annähernd doppelt so schnell wie die allgemeine Weltwirtschaft. Die globale Wellness-Branche wuchs in den letzten beiden Jahren um 12,8%, von $3,7 Billionen (= tausend Milliarden) Umsatzvolumen in 2015 auf $4,2 Billionen in 2017. Unter den 10 untersuchten Marktsegmenten waren u.a. die Spa Industrie mit einem Plus von 9,8%, der Wellness-Tourismus mit einem Plus von 6,5% und der Wellness-relevante Immobilienmarkt mit einem ähnlichen Plus von 6,4%. Allerdings stellte Susie Ellis, CEO des Global Wellness Institutes, beim Wellnessforum auf der ITB klar, dass es bei nur 11% der Wellnessreisen um sogenannte „Primary Wellness Travellers“ handelt, die beispielsweise eine Auszeit in einem Wellnesshotel oder ein Yoga Retreat buchen. Die restlichen 89% sind reguläre Urlauber (inkl. Kreuzfahrten), die im Laufe ihres Aufenthaltes eine Wellness-relevante Dienstleistung wie z.B. eine Massage buchen.  Ob auf der Pressekonferenz der Wellness-Hotel & Resorts oder beim ITB Wellnessforum – in einem waren sich alle Experten einig: Tiefgang ist gefragt, von Transformational Wellness und Mental Wellness bis hin zu Digital Detox. Worum es wirklich geht, brachte Diana Sicher-Fritsch vom Hotel Fritsch am Berg treffend auf den Punkt: „Wer ein Leben führt, von dem er sich im Urlaub erholen muss, macht etwas falsch.“

Todgesagte leben länger: Pauschalreisen nach wie vor gefragt

Zum ersten Mal dominieren laut FUR-Analyse Online-Buchungen mit 29% das Reiseverhalten, gefolgt von Portalen mit 19%. Wer allerdings glaubt, dass Pauschalreisen und Reisebüros ein aussterbendes Genre sind, irrt: der Pauschalurlaub liegt mit 42% noch immer ganz vorne. Sogar die analoge Buchung im Reisebüro liegt (unverändert seit 2014) bei rund 30%. Es ist für Guido Wiegand, Managing Director von Studiosus, erschreckend und kontraproduktiv auf der Suche nach Branchennachwuchs, dass sogar Jobcenter von einer Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann abraten, weil es bald „keine Reisebüros mehr geben würde“. Hier wird der Unterschied zwischen tendenzielle Berichterstattung und seriöser Recherche erkennbar.

Eines ist für die Zukunftsforscher klar: Der Urlauber von heute und morgen ist reiseerfahren und anspruchsvoller. Diese Aussage ist auch für die im FCSI verbundenen Berater wichtig, denn was im Wettbewerb zählt ist Qualität – in der Hardware wie auch in der Dienstleistung.

Sparkassen-Tourismusbarometer Ostdeutschland 2019: gesamtdeutsche Erfolgsgeschichte

Dass es bei der Dienstleistungsqualität touristische Leistungsträger in den neuen Bundesländern manchmal noch hapert, gaben die Akteure beim 22. OSV-Tourismusforum ganz offen zu. Die Gastronomie ist in der Regel das Aushängeschild einer Destination. Sie ist ein wichtiger Faktor bei der Gästezufriedenheit. Allerdings liegen die Gastronomiebesuche pro Übernachtungsgast deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. In ländlichen Gegenden gibt es immer mehr Dörfer, die ohne Gasthaus sind und zahlreiche Betriebe mit hohem Investitionsstau. Dazu kommt der eklatante Fachkräftemangel, der sich wie ein roter Faden durch die gesamte Branche zieht – jeder zweite Betrieb tut sich über längeren Zeiträume schwer, offene Stellen zu besetzen. Noch schwieriger ist es allerdings, Nachwuchs zu akquirieren – wenn es gelungen ist, liegt die Abbrecherquote bei 50%. Damit beißt sich die Katze wieder in den Schwanz, denn um gute Qualität in der Gastronomie zu bieten, braucht es entsprechend qualifiziertes Personal.  Ein Tipp für alle bei der BAFA akkreditierten Berater, die hier im Interesse potentieller Kunden aktiv an einer Steigerung der Dienstleistungsqualität mitarbeiten wollen: der Fördersatz für Vermittlung von „unternehmerischem Knowhow“ liegt nach wie vor bei 80% und somit bei lediglich 20% Eigenanteil.  Damit soll kein Gastronom oder Hotelier argumentieren, er könne sich professionelle Unterstützung nicht leisten.

ITB 2019Die Präsentation des 22. Sparkassen-Tourismusbarometers des OSV am 7. März 2019 fand in jedem Fall großes Interesse und wurde regelrecht „gestürmt“. Der Geschäftsführende OSV-Präsident, Dr. Michael Ermrich sprach zu Recht von 30 Jahren Erfolgsgeschichte nach dem Mauerfall: „Der Tourismus in den ostdeutschen Reisegebieten bleibt auf Wachstumskurs. Was wir brauchen ist Netzwerken statt Kirchturmdenken!“  Dazu ruft das Tourismusbarometer zu einem Arbeitspakt „Gastgewerbe“ aus DEHOGA, Industrie- und Handelskammern, den Ländern, Bundeswirtschafts-ministerium, Gewerkschaften und Betrieben auf.

In aller Munde: Overtourismus

ITBAuf dem ITB Berlin Kongress im Rahmen der Fachbesuchertage vom 6. – 8. März 2019 diskutierten fast 400 Top-Speaker, wie die globale Tourismusbranche konkret auf zugespitzte Overtourism-Konflikte, den Wandel von Kundenansprüchen, den drohenden Kollaps des Weltklimas und neuartige Verkehrssysteme reagieren sollte. Eindringlich wiesen Forscher und touristische Akteure auf die Gefahren des Klimawandels hin. Ein Thema, das im vergangenen Jahr noch als zartes Pflänzchen begonnen hatte, wurde heftig diskutiert: Overtourismus. Es wird eng an den schönen Plätzen dieser Welt, denn immer mehr Urlauber wollen an die immer gleichen Ziele, die sie aus TV, Filmen und sozialen Medien kennen und einmal im Leben selbst besuchen möchten. Billigflieger machen es leicht, diese Orte zu erreichen. Kreuzfahrtschiffe werden immer größer und immer beliebter. Selbst im Katalog der internationalen Wellness-Trends, die Susie Ellis mit im Gepäck hatte, wird „Overtourismus“ konkret benannt. Und wer im Hochsommer in Richtung der Inseln Usedom oder Rügen unterwegs ist, weiß wovon die Rede ist, denn die Schwierigkeiten beginnen schon vor der eigenen Haustüre.

Mit dem Problem im großen Stil zu kämpfen haben Städte wie Dubrovnik und Venedig, die ab diesem Sommer Eintritt kassieren wollen. In einigen spanischen Städten sprühten Sprayer Graffitis an Häuserwände: „Tourists go home, refugees welcome“, z.B. in Barcelona oder in Palma de Mallorca. Auch Amsterdam gehört zu den überfüllten Destinationen, doch in den Niederlanden hat man es erfolgreich geschafft, Touristenströme z.B. nach Rotterdam umzulenken – einer äußerst attraktiven Stadt, wie wir bei unserer Jahrestagung im Oktober 2018 feststellen konnten.

Zeit und Gesundheit: der neue Luxus

ITB 2019Zugleich erlebt die Tourismusbranche einen Paradigmenwechsel. Das Luxusverständnis hat sich von materiellen zu immateriellen Dimensionen verschoben. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Luxus in Statussymbolen zeigt – davon ist Marc Aeberhard überzeugt. Der Buchautor und Inhaber von „Luxury Hotel & Spa Management Ltd.“ definiert Luxus ganz einfach mit „allem, was man nicht für Geld kaufen kann.“  Dazu gehören Gesundheit und Sicherheit. Aber auch der Faktor Zeit spielt eine große Rolle: „Man darf nicht hetzen, um zur Ruhe zu kommen.“ Der neue Luxusgast sucht nach Sinn und Inhalten, Bedeutung und Sensorik. Tiefe Eindrücke berühren alle fünf Sinne. Katrin Herz, GM des Al Bustan Palace, einem RitzCarlton Hotel im Oman, hat das schon vor einiger Zeit erkannt und hat einen eigenen Mitarbeiter, der sich um den richtigen Duft zur richtigen Tageszeit kümmert – vom frisch gerösteten Kaffee als Stimulator am Morgen bis hin zu entspannenden Düften am Abend.

ITB 2019Bei der Diskussion auf ITB New Luxury Panel musste ich an ein Gespräch mit FCSI-Präsident Frank Wagner denken, der mir schon vor einiger Zeit von seiner Erfahrung im russischen Hotelmarkt berichtet hatte: Bling-Bling ist out!

Richtige und wichtige Trends kann man nicht in Zahlen wiedergeben. Sie müssen tiefer gehen. In einem Blogbeitrag lassen sich diese nur aufspüren. Lassen Sie sich durch diese Tendenzen der großen Welt des Tourismus zum Nachdenken anregen!
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Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: man trifft sich zur Internorga in Hamburg

Der nächste Messebesuch steht bevor: am Freitag, 15. März 2019 öffnet die Internorga in Hamburg ihre Pforten. Von Freitag, 15. bis Dienstag, 19. März 2019 wird das Gelände der Hamburg Messe und Congress GmbH wieder zur INTERNORGA-Town. 1.300 Aussteller aus 25 Nationen präsentieren die neuesten Trends und Innovationen für Gastronomie, Hotellerie, Bäckereien und Konditoreien. Zu den Highlights gehören diverse (Nachwuchs-)Wettbewerbe sowie die Newcomers Area, CRAFT SPIRIT Lounge und CRAFT BEER Arena. Der FCSI ist mit Fachgesprächen, unterschiedlichen Talkrunden und dem FCSI Spendenlauf am Sonntag, 17. März 2019 präsent. Schon jetzt bedanken wir uns bei den Verantwortlichen der MESSE HAMBURG für die Unterstützung.

Ein Besuch der Internorga ist in jedem Fall lohnenswert. Er wird bestätigen: die persönliche Begegnung als vertrauensbildende Maßnahme und dem direkten Austausch unter Geschäftspartnern zu Fragen, die die Branche bewegen, sind auch in einer digitalisierten Welt über modernste Kommunikationswege nicht zu ersetzen.

Bildquellen:
Titel und ITB New Luxury Panel: ITB Berlin
OSV Tourismusforum
Global Wellness Economy Bubble Chart: Global Wellness Institute
Graphiken ITB Congress: Wiebke Koch

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